Polizeigewalt in Ägypten – Polizist tötet Tuk-Tuk-Fahrer mit Kopfschuss

Eine gewöhnliche Streiterei um den Fahrpreis für Dachgepäck in Ägyptens Hauptstadt Kairo ist eskaliert. Der Beamte in Zivil zieht seine Waffe und erschießt den Fahrer. Eine aufgebrachte Menschenmenge prügelt den Polizisten daraufhin krankenhausreif.

Streitereien um Fahrpreise gehören zum Alltag im Straßenverkehr in Ägypten. Und derlei Gezänk endet oft in lautstarken und teils tumultartigen Szenen oder gar Prügeleien. Doch der Vorfall im Kairoer Stadtviertel Al-Darb Al-Ahmar vom Donnerstagabend zeigt einmal mehr, wie locker Polizeibeamten die Waffe im Gürtel sitzt wenn nicht alles läuft wie gewünscht (erschienen bei n-tv Online am 19.2.2016).

Jüngstes Opfer der am Nil zur Normalität gewordenen unverhältnismäßigen Polizeigewalt ist der 24 jährige Mohamed Sayyed Ismail. Der Streit um den Fahrpreis mit seinen Kunden, einem Polizeibeamten in Zivil und dessen Begleiter, endet im Fiasko. Der Beamte zieht seine Pistole und tötet den Tuk-Tuk-Fahrer Ismail mit einem Kopfschuss, heißt es in der ägyptischen Presse unter Berufung auf Augenzeugen. Nur mit Glück wird der Polizist von der aufgebrachten Menschenmenge nicht gelyncht. Er kann sich losreißen und entkommen und wird mit Brüchen und inneren Blutungen im Krankenhaus behandelt, heißt es in einer Stellungnahme des ägyptischen Innenministeriums.

Die Lage in Al-Darb Al-Ahmar spitzte sich unterdessen zu. Hunderte aufgebrachte Anwohner und Passanten zogen nach dem Vorfall zum nahe gelegenen Sicherheitsdirektorium, dem Polizeihauptsitz in der Kairoer Innenstadt, und protestierten lautstark gegen Ismails Ermordung. Die Menschenansammlung vor dem Direktorium skandiert unmissverständliche Slogans gegen das Innenministerium. Polizisten seien Gangster und Schläger, brüllt die Menge. Polizeibeamte versuchten die wütende Menge zu beruhigen, berichten Augenzeugen in sozialen Netzwerken. Doch am Folgetag hat sich die Empörung in Al-Darb Al-Ahmar nicht gelegt, denn auch bei Ismails Beisetzung in Kairo am Freitagmorgen versammelten sich hunderte Menschen und skandierten Parolen gegen Polizeigewalt und Staatswillkür.

Das für seine chronischen gewaltsamen Übergriffe gegen Zivilisten bekannte Innenministerium propagiert derweil eine andere Lesart der Ereignisse. Ein Polizeibeamter habe bei einem Streit interveniert und in die Luft geschossen. Dabei sei Ismail versehentlich von einer Kugel getroffen worden, schreibt das Ministerium in einer Erklärung. Die staatliche Tageszeitung Al-Ahram berichtet, der Polizist sei verhaftet worden und werde zum dem Vorfall befragt. Die Staatsanwaltschaft will eine Untersuchung einleiten, so Al-Ahram.

Der Vorfall ist indes keine Ausnahme. Immer wieder kommt es in Ägypten zu Verletzten oder sogar Toten durch unverhältnismäßige Polizeigewalt. Seit der Ermordung eines Mannes in Polizeigewahrsam in Luxor im Süden des Landes Anfang Dezember ist das Thema jedoch omnipräsent in der medialen Debatte am Nil. Die Öffentlichkeit ist inzwischen sensibilisiert, die Presse greift regelmäßig ähnliche Fälle auf und berichtet, auch wenn sich ägyptische Journalisten nach wie vor mit klaren Vorwürfen gegen die Behörden zurückhalten.

Doch die derzeit laufenden Protesten im Gesundheitssektor zeugen von einem langsamen aber stetigen Stimmungsumschwung. Ende Januar ließ ein Polizist im Krankenhaus in Matariya im Nordosten Kairos eine Wunde an der Stirn behandelt, war jedoch mit dem Befund des behandelnden Arztes nicht einverstanden und zerrte ihn gemeinsam mit einem Kollegen in einen Minibus und brachte den Arzt in die nächst gelegene Polizeiwache. Dort wurde er von neun Beamten verprügelt. Seither läuft die Berufsgenossenschaft der Ärzte Sturm gegen den Übergriff gegen einen Arzt im Dienst. Das Krankenhaus in Matariya war seither mehrfach Schauplatz von Protesten gegen Polizeiwillkür. Für Samstag sind landesweite Proteste im Gesundheitssektor angekündigt.

Im Kern geht es der Ärztevereinigung darum, ihren Job ohne Waffe im Nacken ausüben zu können, doch angesichts des Durchhaltevermögens der protestierenden Mediziner im Land hat der Vorfall inzwischen eine politische Dimension. Denn während Übergriffe von Sicherheitskräften gegen Aktivisten als Angriff auf die Staatsmacht betrachtet werden, steht bei den Ausständen der Ärzte einer der meist respektierten Berufe Ägyptens im Scheinwerferlicht. Das sonst übliche Umdrehen der Faktenlage funktioniert hier schlicht nicht.

© Sofian Philip Naceur 2016

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