Tunesien im Visier des Islamischen Staates

Nach dem Anschlag auf das Nationalmuseum Bardo in Tunis am vergangenen Mittwoch stehen dem Land unruhige Zeiten bevor. Tunesiens Regierung verstärkte nach dem Attentat, bei dem 20 ausländische Touristen und drei Tunesier getötet wurden, die Sicherheitsvorkehrungen im Land. Vor Regierungsgebäuden und für den Tourismussektor relevanten Einrichtungen wurden zusätzliche Einsatzkräfte stationiert und die mit der Terrorismusbekämpfung in dem nordafrikanischen Land betrauten Institutionen in Alarmbereitschaft versetzt. Kulturministerin Latifa Lakhdhar kündigte derweil die Wiedereröffnung des Museums unter strengen Sicherheitsvorkehrungen für kommende Woche an (erschienen in Junge Welt am 21.3.2015).

Die Regierung bestätigte inzwischen die Identität der beiden Geiselnehmer, die sich nach ihrem Angriff auf vor dem Bardo stehende Touristenbusse im Inneren des Museums verschanzt hatten und bei der Stürmung des Gebäudes durch Spezialeinheiten der Polizei getötet wurden. Die Attentäter Yassine Abidi und Hatem Khachnaoui seien tunesische Staatsbürger, in tunesischen Moscheen von radikalislamistischen Gruppen für den Krieg im Nachbarland Libyen rekrutiert worden und dort in Trainingslagern des libyschen Ablegers des Islamischen Staates (IS), der große Teile Syriens und Iraks kontrolliert und dort ein Kalifat aufgerufen hatte, ausgebildet worden. Tunesiens Regierungschef Habib Essid betonte, Abidi sei von den Geheimdienstes nach seiner Rückkehr nach Tunesien vorsichtshalber überwacht worden, konkrete Anhaltspunkte für eine von ihm ausgehende Gefahr habe es jedoch keine gegeben. Der IS bekannte sich unterdessen zu dem Anschlag. Eine der größten in Tunesien und Libyen operierenden Terrorgruppen, Ansar Al-Scharia, hatte sich erst im Herbst dem IS in Syrien und Irak angeschlossen. Ansar Al-Scharia sendete zuletzt jedoch widersprüchliche Signale bezüglich ihres angeblichen Bündnisses mit dem IS.

Bereits am Montag war das tunesische Innenministerium gegen mehrere angebliche Terrorzellen im Land vorgegangen und hatten mindestens 22 Menschen verhaftet. Nach offiziellen Angaben seien zudem weitere zehn Tunesier bei dem Versuch festgesetzt worden nach Libyen einzureisen, um sich islamistischen Milizen anzuschließen. In einer Stellungnahme des Ministeriums heißt es, libysche Terrornetzwerke würden eng mit tunesischen Terroristen kooperieren und mehrere Trainingscamps in Libyen unterhalten. In der Tat kursieren in den Medien erschreckende Angaben über die Anzahl der Tunesier, die sich dem IS angeschlossen haben sollen. Insgesamt 3000 sollen es sein. Tunesische Behörden gehen aktuell von rund 500 Rückkehrern aus.

Bislang konzentrierten sich die Anschläge von Ansar Al-Scharia in Tunesien jedoch konsequent auf staatliche Einrichtungen im Süden des Landes. Anschläge auf Touristen sind strategisch für derartige Gruppen jedoch nicht neu, hoffen sie doch mit dieser Taktik die jeweiligen Regierungen politisch und wirtschaftlich zu destabilisieren und damit ihre Rekrutierungspotential zu erweitern. Tunesien ist stark vom Tourismussektor abhängig, trägt dieser doch rund zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Zudem könnte der Konkurrenzkampf zwischen dem IS und dem Terrornetzwerk Al-Qaida bei dem Anschlag am Mittwoch eine Rolle gespielt haben, kann der IS doch nach jüngsten Erfolgen in Libyen nun auch einen öffentlichkeitswirksamen Anschlag im Herzen Tunesien für sich verbuchen und kommt damit seinem Ziel Al-Qaida den Rang in Nordafrika abzulaufen einen großen Schritt näher.

Derweil bleibt fraglich, ob die tunesische Regierung der nationalen Einheit Bestand haben wird. Die dem alten 2011 gestürzten Regime von Exdiktator Ben Ali nahe stehende Partei Nidaa Tounes (Ruf Tunesiens) hatte die Parlamentswahl im Herbst zwar gewonnen, sich jedoch zu einer Koalition mit der islamistischen Ennahda-Partei durchgerungen. Tunesiens Präsident Béji Caïd Al-Sebsi, Mitbegründer von Nidaa Tounes, warf der Ennahda vor nicht entschieden genug gegen den islamistischen Extremismus im Land vorgegangen zu sein als diese noch Regierung und Parlament dominiert hatte.

© Sofian Philip Naceur 2015

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