Touristen von Sicherheitskräften erschossen

Ägyptische Sicherheitskräfte haben am Montag nach Angaben des Innenministeriums „aus Versehen“ zwölf Touristen und ihre Begleiter in der westlichen Wüste nahe der Oase Bahariya erschossen. Unter den Opfern seien mindestens acht mexikanische Touristen, bestätigte das mexikanische Außenministerium am Mittag. Einsatzkräfte von Ägyptens Polizei und Armee hätten gemeinsam Jagd auf Terroristen gemacht und dabei versehentlich die vier Geländewagen der Touristengruppe angegriffen, heißt in der kurzen Stellungsnahme der ägyptischen Regierung. Der Konvoi habe sich in militärischem Sperrgebiet bewegt, heißt es weiter. Zehn weitere Personen seien verletzt und in Krankenhäuser nahe der Hauptstadt Kairo gebracht worden (erschienen in Junge Welt am 15.9.2015).

Mexikos Präsident Enrique Pena Nieto verurteilte den Zwischenfall in einer Verlautbarung auf Twitter aufs Schärfste und forderte von Ägyptens Regierung eine „gründliche Untersuchung“. Das Tourismusministerium in Kairo bezeichnet den Vorfall in einer offiziellen Stellungsnahme als „schmerzhaften Unfall“. In der Regel bekommen Touristengruppen in fragilen Regionen des Landes Polizeieskorten zur Seite gestellt. Journalisten und Beobachter ließen in sozialen Netzwerken verlauten, dies sei auch im Falle der mexikanischen Touristen der Fall gewesen. Zudem brauchen Touristen für Ausflüge in bestimmte Regionen explizite Genehmigungen.

Derweil sagte die Sprecherin des Tourismusministeriums Rasha Azazi der Nachrichtenagentur AP, der Konvoi habe nicht ordnungsgemäß lizenzierte Fahrzeuge benutzt und Ägyptens Behörden nicht über den geplanten Besuch in der Provinz informiert. Die Region ist ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen.

Die meist im Nord-Sinai operierende Extremistengruppe Wilayat Sina (Arabisch für: Provinz Sinai), die sich vergangenes Jahr dem Islamischen Staat in Syrien und im Irak angeschlossen hatte, verkündete in einer am Montag im Internet veröffentlichten Stellungsnahme, sie habe einen Angriff ägyptischer Sicherheitskräfte im Westen des Landes abgewehrt. Damit bestätigt die Gruppe indirekt die Angaben ägyptischer Behörden über gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Wilayat Sina in West-Ägypten.

Während der Aufstand extremistischer Gruppen gegen die Staatsmacht vor allem im Nord-Sinai stattfindet, ist auch die westliche Wüste seit Juni 2014 vermehrt Schauplatz von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen ägyptischen Sicherheitskräften und bewaffneten Gruppen. Damals starben bei einem Überfall auf einen Militärposten nahe der Oase Al-Farafra 22 Soldaten. Die Armee verlegte daraufhin zusätzlich Truppen in die Region und ließ das Areal für Touristen sperren. Diese Regelung wurde jedoch inzwischen gelockert.

Derweil bleibt die Lage auch im Nord-Sinai angespannt. Vor einer Woche initiierte Ägyptens Armee erneut eine Militäroffensive in der Provinz und erklärte erst am Samstag man habe seit Beginn der Operation 349 Extremisten getötet. Damit fielen der Militäroffensiven im Sinai nach offiziellen Angaben seit Jahresbeginn bereits über 1000 Menschen zum Opfer. Die offiziellen Verlautbarungen seitens Behörden und Armee über Opferzahlen und die Ereignisse im Norden der strukturell vernachlässigten Provinz bleiben jedoch weiter zweifelhaft. Das Militär verfügt in der Region über ein Nachrichtenmonopol, Journalisten wird der Zutritt verwehrt und Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi verabschiedete erst vor wenigen Wochen ein Gesetz, das die Verbreitung von Opferzahlen, die offiziellen Angaben widersprechen, unter Strafe stellt.

Unterdessen wurde die Multinational Force of Observers (MFO), eine mit Mandat der Vereinten Nationen an der ägyptisch-israelischen Grenze operierende Friedenstruppe, in den Konflikt im Sinai hineingezogen. Die MFO soll die Bestimmungen des 1979 abgeschlossenen Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel kontrollieren. Anfang September wurden sechs MFO-Soldaten bei zwei Bombenexplosionen im Norden der Halbinsel verletzt. Die USA stockten daraufhin ihr MFO-Kontingent um zusätzliche 75 Soldaten auf.

© Sofian Philip Naceur 2015

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