„Halb korrupt, halb inkompetent“ – Ägyptens Ultra-Szene nach dem Tod von 22 Fußballfans

Im Confederations-Cup-Finale des afrikanischen Fußballverbandes CAF im Dezember führten die Ultra-Fans von Ägyptens Rekordmeisters Al-Ahly Kairo eine beeindruckende Choreographie vor, bevor ihr Team gegen Séwé Sport aus der Elfenbeinküste den Titel gewann. Die Ultras Ahlawi, die größte Ultra-Gruppe des Clubs, präsentierten in sieben Sprachen und imposanter Größe den Slogan „Fußball für die Fans“. Kurz zuvor hatte Ägyptens Fußballverband EFA das Zuschauerverbot für Ligaspiele aufgehoben und so den Weg frei gemacht für eine partielle Rückkehr der Fans auf die Ränge. Seit dem Massaker von Port Said am 1. Februar 2012 war bei Ligaspielen kein Publikum mehr erlaubt. Doch nur zwei Monaten nach Lockerung des Zuschauerbanns ist Ägyptens Premier League erneut auf Eis gelegt und beim Wiederanpfiff der Liga Ende März ist das Verbot wieder in Kraft. Am 8. Februar waren vor dem Spiel zwischen Al-Ahlys Erzrivalen Zamalek SC und dem zum gleichnamigen Erdölkonzern gehörenden Club ENPPI nach dem Ausbruch einer Massenpanik 19 Zamalek-Anhänger getötet worden. Zamaleks Ultras White Knights (UWK) sprechen von 22 Toten (erschienen in Die Wochenzeitung am 12.3.2015).

Es war das erste Spiel nach Aufhebung des Zuschauerbanns, bei dem Zamalek-Fans auf den Rängen erlaubt waren. Doch schon vor Anpfiff des Spiels im militäreigenen Air Defence Stadion in einem Kairoer Vorort kam es zum Unglück. Tausende Fans warteten auf Einlass und standen dicht gedrängt in einem von Eisenzäunen gesäumten Gang als die Polizei Tränengas in die Menge feuerte und eine Massenpanik auslöste. Während die Regierung mit Verweis auf Obduktionsergebnisse erklärte, die Opfer seien den durch die Massenpanik verursachten Verletzungen erlegen, bekräftigen Familien einiger Toter ihre Angehörigen seien am Tränengas erstickt. Das Innenministerium bestreitet jedwede Verantwortung und beschuldigt Fans das Stadion ohne Eintrittskarten gestürmt zu haben. Ein skurriler Vorwurf, schließlich werden im Land meist nur Karten für die besseren Plätze ausgestellt, während tausende Fans freien Einlass erhalten „Die Behörden haben kein Interesse Spiele zu sichern und bequemer für die Zuschauer zu machen. Sie bauen prachtvolle Stadien, aber wie die Leute rein kommen, interessiert sie wenig. Dabei gehen wir Fans ins Stadion, um unsere Mannschaft anzufeuern, nicht um Krawall zu machen“, sagt UWK-Mitglied Mina. Seinen richtigen Namen nennt er nicht.

Der Sicherheitsapparat reagierte auf die jüngsten Vorfälle auf altbekannte Weise und ließ dutzende UWK-Mitglieder wegen angeblicher Angriffe auf Polizisten, Sachbeschädigung und Vandalismus verhaften. Wie Anwälte und Angehörige ägyptischen Medien mitteilten, wurden mindestens 26 Fans von der Polizei unter Folter gezwungen zu gestehen, dass sie von der in Ägypten als Terrorvereinigung deklarierten islamistischen Muslimbruderschaft dafür bezahlt wurden Unruhe zu stiften. Regierungschef Ibrahim Mehleb bezeichnete die Tragödie derweil als „Verschwörung“, die das Ziel habe das Land zu destabilisieren, während zahlreiche ägyptische Zeitungen und TV-Sender die dubiosen Vorwürfe aufgriffen gegen die UWK polarisierten. Auch Zamaleks höchst umstrittener und streitsüchtiger Vorsitzender Mortada Mansour machte in der Presse am Nil massiv Stimmung gegen die Ultras, die ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. Im Gegenzug nannten die UWK den Vorfall ein „Massaker“ und beschuldigten Mansour für den Tod der Fans verantwortlich zu sein.

Mansour, ein ehemaliger Verfassungsrichter, steht dem alten Regime des 2011 gestürzten Diktators Hosni Mubarak nahe und pflegt bis heute gute Beziehungen zum Regime. Sein konfrontativer Kurs mit den UWK ist vor allem deshalb brisant, da Ahlawis und die UWK während der Revolution 2011 eine aktive Rolle in den Straßenschlachten mit der Staatsmacht spielten während Mansour verklagt wurde. Er soll bezahlte Schläger gegen die auf dem Kairoer Tahrir-Platz ausharrenden Revolutionäre angesetzt haben, wurde aber gerichtlich freigesprochen. Doch heute ist unklar, ob und wie Mansour durch gezieltes Täuschen über das verfügbare Ticketkontingents für das Spiel am 8. Februar das Risiko von Spannungen zwischen Fans und Polizei bewusst geschürt hat. Die UWK werfen ihm vor Tickets aufgekauft zu haben, während sich er und sein in Zamaleks Aufsichtsrat sitzender Sohn Ahmed Mortada in ihren Aussagen zur Ticketverkaufspraxis rund um das Spiel stark widersprechen. Überraschend wäre solch ein Manöver nicht, führt Mansour doch schon lange eine Hetzkampagne gegen die UWK und hat gar versucht sie gerichtlich als Terrorvereinigung einstufen zu lassen.

Im Gegensatz zu Mansours provokantem Kurs pflegt Al-Ahlys Clubführung unter Präsident Mahmoud Taher einen deeskalierenden Umgang mit den Ahlawi Ultras und hält Gesprächskanäle konsequent offen. Und die Strategie geht auf. Die Spannungen zwischen Ahlawis und Staatsmacht 2011 sind heute einer Art Tauwetter gewichen, auch wenn Port Said nicht vergessen ist, betont ein Ahlawi, der anonym bleiben will. „Die Polizei ist das Problem. Sie ist schlecht ausgebildet und käuflich. Also halb korrupt, halb inkompetent“, meint er.

Die Ahlawis machen unterdessen das Innenministerium für die jüngste Tragödie verantwortlich, ebenso wie 16 ägyptische Menschenrechtsgruppen, die in einer gemeinsamen Erklärung betonen, die Massenpanik am 8. Februar entspreche einem Muster und sei kein Einzelfall. Mina macht die EFA, Zamaleks Clubführung und das Innenministerium für die Vorfälle verantwortlich, wobei er der Polizei Fahrlässigkeit, aber keinen Vorsatz vorwirft. „Ich habe nicht das Gefühl, dass es einen Plan gab Menschen zu töten so wie damals in Port Said. Es war eher eine unglückliche Kette von Ereignissen“, sagt er. Während sich das Regime 2012 in Port Said für die Rolle der Ultras bei der Revolution rächen wollte, habe es derzeit wenig Interesse daran, dass Menschen sterben. Dennoch fordert er vehement eine Aufklärung der Vorfälle. „Jemand muss zur Rechenschaft gezogen werden, aber ich glaube nicht, dass es soweit kommen wird. Port Said liegt drei Jahre zurück und keiner ist verurteilt worden. Nun sind 22 Menschen tot und niemand ist zurückgetreten.“

Ägyptens Ultras werden vom Staat als Gefahr wahrgenommen. Neben der Muslimbruderschaft und einigen unabhängigen Gewerkschaften in der Textilindustrie gelten die Ahlawis als zahlenmäßig größtes und am besten organisiertes staatsunabhängig operierendes informelles Netzwerk. Doch der Staat begreift diese Strukturen als Bedrohung und versucht unbeirrt die Etablierung unabhängig organisierter Netzwerke im Land zu untergraben. Dabei sind Ägyptens Ultras kaum mit gewaltbereiten rechtsradikalen Hooligans in Europa vergleichbar, entstammen Ahlawis doch meist der Mittelschicht und verfolgen eine antiautoritäre apolitische Haltung. Ihr Kampf sei ein Kampf um Freiheit in den Stadien und den öffentlichen Raum, meint James M. Dorsey, Co-Direktor des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg. Der Slogan „Fußball für die Fans“ widerspricht schlicht den kommerziellen Interessen vieler Vereine in Ägypten und Mansours Anspruch auf eine elitäre Exklusivität des Sports. Seine Reibungen mit den UWK überraschen daher kaum.

© Sofian Philip Naceur 2015

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