Sanierung durch Kranke – Ägypten setzt auf Gesundheitstourismus

Das Konterfei des beim FC Barcelona unter Vertrag stehenden argentinischen Fußballstars Lionel Messi ist seit Monaten omnipräsent in der ägyptischen Öffentlichkeit, prangt auf Reklamewänden in Kairo, Alexandria und anderen Städten und dominierte Ende Februar gar die Hauptnachrichten in ägyptischen TV-Sendern. Messi beehrte das Land mit einen Kurzbesuch, präsentierte sich auf einer Pressekonferenz und ließ sich öffentlichkeitswirksam vor den Pyramiden ablichten. Sein Besuch war der bisherige Höhepunkt einer Werbekampagne des ägyptischen Pharmaunternehmens Prime Pharma, das mit Messi als Zugpferd versucht Kunden im In- und Ausland für die Behandlung von Hepatitis anzulocken (erschienen in junge Welt am 31.3.2017).

Rund eine Million an Hepatitis C erkrankte Menschen will die Firma mit ihrer Behandlung bereits geheilt haben. Prime Pharma wirbt mit unschlagbar günstigen Preisen, minimalen Wartezeiten und einer perfekten Umgebung, schließlich könnten sich Patienten die mehrwöchige Behandlungsdauer in Ägypten mit touristischen Aktivitäten vertreiben. Ägypten zählt weltweit zu den am stärksten von Hepatitis-C-Erkrankungen betroffenen Ländern. Nach Schätzungen des Gesundheitsministeriums in Kairo sind rund 3,6 Millionen Menschen oder 4,4 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert.

Inzwischen hat auch die Regierung das Thema aufgegriffen und will den Gesundheitstourismus im Land ankurbeln. Angetrieben von der anhaltenden Wirtschafts- und Währungskrise am Nil versucht Ägyptens Regierung damit eine neue Quelle für ausländische Devisen zu erschließen und zeitgleich der stark angeschlagenen Tourismusbranche wieder auf die Beine zu helfen.

Ende März richtete der ägyptische Reiseveranstalter Travco im Auftrag der Regionalregierung der Provinz Südsinai und unter der Schirmherrschaft von Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi eine Konferenz zum Thema Gesundheitstourismus in der Urlauberhochburg Scharm Al-Sheikh aus. Ziel der ersten Konferenz dieser Art im Land sei es Ägypten als Reiseziel für Gesundheitstouristen aus Europa und der arabischen Welt bekannter zu machen und ausländische Unternehmen und Patienten anzulocken, so der Travcomitarbeiter Mohamed Shams gegenüber jW. Viele ausländische Vertreter aus dem Gesundheits- oder Tourismussektor fanden sich zwar nicht ein auf der Konferenz, doch die dreitägige Veranstaltung im Südinai sei ein Anfang, sagt ein Zahnarzt aus Dahab, der nach eigener Aussage auch zahlreiche deutsche und britische Patienten behandelt.

Insbesondere aus Deutschland reisen in der Tat unzählige Patienten ins Land, die die in Deutschland explodierten Eigenanteile für Zahnersatz schlicht nicht aufbringen können ohne sich zu veschulden. Denn für europäische Patienten sind Kronen oder Implantate aus Ägypten mehr als erschwinglich, Ersparnisse von bis zu 80 Prozent sind keine Seltenheit.

Doch Skepsis bleibt angebracht. Denn das staatliche ägyptische Gesundheitssystem ist chronisch unterfinanziert, keineswegs für seine Qualitäts- und Hygienestandards bekannt und praktisch ein Dreiklassensystem. Die Qualitätsunterschiede in staatlichen, privaten und von der Armee geführten Kliniken, die mit Abstand zu den besten im Land zählen, sind enorm. Selbst Universitätskliniken, die zu den besten staatlichen Einrichtungen zählen, klagen über einen Mangel an Personal, aber auch Hygieneartikeln wie Handschuhen und Verbandsmaterialien, die bei Operationen oft schlicht fehlen. Die öffentlichen Ausgaben für den Gesundheitssektor lagen 2014 bei nur 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, obwohl die ägyptische Verfassung mindestens drei Prozent vorschreibt.

Entsprechend fragwürdig mutet es an, dass die Regierung versucht die Folgen der Wirtschaftskrise mit dem Ankurbeln des Gesundheitstourismus abzumildern, während sie nicht in der Lage ist die Gesundheitsversorgung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen. Das Gros der auf der Konferenz in Sharm Al-Scheikh um ausländische Kunden werbende Krankenhäuser waren staatliche Kliniken, die sich ebenso wie Privateinrichtungen zunehmend um zahlungsfähigere Klientel bemühen.

© Sofian Philip Naceur 2017

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