Wirtschaftskrise in Ägypten – Wenn Medikamente zum Luxus werden

Ägyptens Wirtschaft steht kurz vor dem Kollaps. Eine Währungsabwertung und milliardenschwere Kredite des Internationalen Währungsfonds sollen nun die Wende einleiten – auf Kosten der Einkommensschwachen.

Ende September 2016 steigen rund 450 Menschen an der ägyptischen Mittelmeerküste auf einen rostigen Fischtrawler, der noch in der gleichen Nacht in Richtung Europa aufbrechen soll. Doch die geplante Fahrt endet im Desaster, noch bevor sie richtig begonnen hat. Das Boot kentert und reisst Hunderte Menschen mit in den Tod. Seit 2014 hat es in ägyptischen Gewässern kein solch schweres Unglück mehr gegeben (erschienen in Die Wochenzeitung am 12.1.2017).

Die Katastrophe ist auch Zeichen einer relativ neuen, zusätzlich beunruhigenden Entwicklung: Denn rund ein Drittel der Passagiere stammt aus Ägypten. Seit Anfang 2016 steige die Nachfrage nach Überfahrten in Richtung Europa auch bei ÄgypterInnen stark an, sagt der Menschenrechtler Muhammad al-Kaschef von
der Denkfabrik Egyptian Initiative for Personal Rights. Das Land erlebt derzeit die grösste Auswanderungswelle seit den siebziger Jahren. Der Grund: Ägypten durchläuft eine schwere Wirtschaftskrise, die auch immer mehr die Mittelschicht trifft. «Es wird immer schlimmer», so al-Kaschef. Die Einnahmen aus dem Tourismus seien eingebrochen, die Jugendarbeitslosigkeit liege bei über dreissig Prozent. Auch Medikamente und Grundnahrungsmittel sind inzwischen im Alltag teils schwer erhältlich.

Preise explodieren

Die ägyptische Regierung versucht derweil, sich mithilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus der misslichen Lage zu befreien. Dazu hat sie einen Kredit von zwölf Milliarden US-Dollar erhalten und muss das Land im Gegenzug einer «Schocktherapie» unterziehen.

So strich Kairo die Subventionen auf Treibstoffe und Strom radikal zusammen, führte eine Mehrwertsteuer ein und gab am 3. November die Wechselkurse frei. Noch am gleichen Tag verlor die lokale Währung  – das ägyptische Pfund (LE)  – rund fünfzig Prozent an Wert und sank danach weiter ab. Die Folgen für die Einkommensschwächeren sind verheerend: Die Preise für Grundnahrungsmittel, importierte Hygie­neartikel und Medikamente sind explodiert. Die Inflation erreichte im November mit 20,2 Prozent den Höchstwert seit 2008. Die Preise für Gemüse und Obst stiegen zeitweilig um über 35 Prozent. Ein Kilo Zucker kostet heute doppelt so viel wie noch im Sommer. Und ein Ende der Teuerungsspirale ist nicht in Sicht. «Ich weiss nicht mehr, wie ich meine Familie ernähren soll», sagt ein aufgebrachter Taxifahrer, der jahrelang im Tourismusgewerbe beschäftigt war, aufgrund der Flaute in der Branche jedoch seinen Job verlor. Heute müsse er mit jedem einzelnen Kunden über den Fahrpreis streiten. Die Streichung von Benzinsubventionen hat den Preis für Treibstoff über Nacht um 30 bis 46 Prozent erhöht.

Sichtbare Folgen

Auch der Gesundheitssektor ist von Preissteigerungen betroffen. Zahlreiche lebenswichtige Medikamente werden importiert und sind heute fast doppelt so teuer wie zuvor. Dazu kommt es auch zu eigentlichen Engpässen: «Selbst dringend benötigte Präparate wie Insulin sind inzwischen knapp», erzählt ein Arzt, der in einem staatlichen Spital in Kairo arbeitet und anonym bleiben will. «Die Händler halten bestimmte Medikamente künstlich zurück, anders können wir uns das nicht erklären», sagt er. Sie würden auf die nächste Preiserhöhung warten, die die Regierung bereits angekündigt hat. Verwunderlich wäre das nicht, denn mit Tricksereien haben Firmen bereits im Sommer ihre Bilanzen geschönt: Nachdem die Regierung Preiserhöhungen bei Präparaten, die für unter 20 LE verkauft wurden, durchgesetzt hatte, führten Produzenten neue Packungsgrössen ein. Schachteln mit zuvor zwanzig Tabletten zum Preis von 38 LE wurden neu in Packungen à zehn Stück für 19 LE verkauft. In der Folge konnte auch hier der Preis kräftig erhöht werden.

Derweil sind die Folgen der Währungsabwertung und der eingeleiteten fiskalpolitischen Reformen auch auf den Strassen nicht zu übersehen. Die Zahl der StrassenhändlerInnen, die versuchen, sich mit dem Verkauf von Taschentüchern, Haushaltsartikeln oder Schokoriegeln über Wasser zu halten, wächst kontinuierlich, die Schlangen vor den Geschäften, in denen der Staat subventionierte Lebensmittel verkauft, werden immer länger.

© Sofian Philip Naceur 2017

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