Blutiges Ligaspiel in Kairo

Erneut sterben in Ägypten Fußballfans vor einem Ligaspiel. Offiziellen Angaben zufolge wurden am Sonntag mindestens 19 Fans der Kairoer Spitzenmannschaft Zamalek Sporting Club bei einer Massenpanik an einem Eingangstor zum armeeeigenen Air Defence Stadium in einem Vorort der Hauptstadt getötet und mehrere Dutzend verletzt. Ägyptens Generalstaatsanwalt Hisham Barakat sprach noch am Sonntag von 22 Opfern, während die Ultra-Gruppe der Mannschaft, die Ultras White Knights, von mindesten 28 Toten berichtet (erschienen in Junge Welt am 10.2.1015).

Tausende Fans der Mannschaft hatten sich vor dem Stadion versammelt, um dem Spiel zwischen ENPPI und Zamalek SC beizuwohnen, dem ersten Ligaspiel seit dem Massaker im Stadion von Port Said vom 1. Februar 2012, bei dem Zamalek-Anhänger im Stadion zugelassen waren. Nach Angaben von Mitgliedern der Ultras White Knights strömten mindestens 8000 Menschen zu den Toren des Stadions, die meisten davon jedoch ohne Eintrittskarten. In sozialen Netzwerken wird berichtet, es habe nur 500 Karten für das Spiel gegeben.

Mohamed Abbas, Anhänger der Mannschaft, berichtet auf seiner Facebook-Seite, die Fans hätten vor dem Tor auf Einlass gewartet. Die Stimmung sei ausgelassen gewesen, bis Polizisten ohne Vorwarnung Tränengas in die Menge geschossen hätten. Er habe Eintrittskarten gehabt, schreibt er, doch niemand habe nach den Tickets gefragt. Hunderte Menschen waren zu diesem Zeitpunkt in einem nur wenige Meter breiten von Stacheldrahtzäunen abgesperrten Zugangskorridor eingeschlossen und konnten weder auf das Gelände des Stadions flüchten noch zurückweichen. Ein Video, dass sich noch am Sonntag rasch im Internet verbreitete, zeigt die durch die Massenpanik umgestürzten Zäune und Menschen, die versuchen zu fliehen sowie einen vermummten Polizisten, der eine Tränengasgranate auf Kopfhöhe in die Menge abfeuert und nachlädt.

Das Innenministerium beschuldigt die Fans versucht zu haben das Stadion zu stürmen. Ägyptische Medien berichten, keines der Opfer sei durch Schussverletzungen zu Tode gekommen. Ägyptische Sicherheitskräfte nutzen jedoch seit Jahren hochtoxisches Tränengas, das binnen Sekunden Schleimhäute und Haut angreift. Die meisten Toten seien erstickt, bestätigt ein am Stadion anwesender Zamalek-Anhänger gegenüber jW.

Erst Ende 2014 hatte Ägyptens Innenministerium das strikte Zuschauerverbot für Ligaspiele gelockert und wieder Zuschauer auf den Rängen erlaubt. Das Verbot galt seit Februar 2012. Damals waren 74 Fans des Kairoer Rekordmeisters Al-Ahly nach einem Ligaspiel in Port Said im Nordosten des Landes getötet worden, nachdem Anhänger der gegnerischen Mannschaft Al-Masry den Gästeblock gestürmt hatten. Anwesende Sicherheitskräfte hatten nicht eingegriffen. Das Massaker gilt als politisch motiviert, schließlich spielten neben den Ultras White Knights vor allem die Al-Ahly Ultras eine aktive Rolle bei den Zusammenstößen zwischen Protestlern und Sicherheitskräften während der ägyptischen Revolution von 2011, die Ägyptens Langzeitdiktator Hosni Mubarak aus dem Amt gejagt hatte. Seither gab es immer wieder Ausschreitungen zwischen Ultra-Gruppen und Sicherheitskräften in Ägypten.

© Sofian Philip Naceur 2015

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