Erneute Massenabschiebung aus Algerien

Algeriens Abschiebepraxis sorgt im Nachbarland Niger zunehmend für Unmut. Während seines Besuches in einer Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Norden des Landes forderte Nigers Innenminister Mohamed Bazoum Algeriens Behörden auf, keine Staatsbürger Malis, Senegals oder anderer west- und zentralafrikanischer Staaten ohne Prüfung der Nationalität nach Niger abzuschieben, sondern diese statt dessen direkt in ihre Heimatländer auszufliegen. Das gegenwärtige Prozedere schaffe ein humanitäres Problem, da Niger keine Aufnahmekapazitäten mehr habe (erschienen in junge Welt vom 24.2.2018).

In der Tat ist der Norden Nigers rund um die Stadt Agadez inzwischen zu einem Zentrum für Geflüchtete aus der Region, aber auch für Rückführungsanstrengungen mehrerer Regierungen und internationaler Organisationen geworden. Sowohl das Flüchtlingshilfswerk UNHCR als auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) intensivieren seit Dezember ihre Bemühungen, »freiwillige Rückkehrer« aus Libyen nach Agadez zu bringen. Und auch Algerien schiebt weiterhin massenhaft in die nahe Agadez gelegene Grenzregion ab. Schon am 10. Februar begannen die Behörden vor allem in küstennahen Städten im Norden Algeriens, Hunderte Menschen festzusetzen. Polizisten verhafteten dabei afrikanische Einwanderer auf offener Straße, aber auch in Wohnungen, im öffentlichen Nahverkehr und an Arbeitsplätzen, ohne adäquate Prüfung von Nationalität oder Aufenthaltspapieren. Anschließend wurden sie in die Sammelunterkunft Camp Zéralda westlich von Algier gebracht. Zwei Tage später wurden die während der zweitägigen Verhaftungswelle festgesetzten Menschen in einem Konvoi von fast 30 Reisebussen in eine Sammelunterkunft nach Tamanrasset gebracht, einer Oasenstadt rund 2.000 Kilometer südlich von Algier. Bildmaterial, das jW vorliegt, zeigt verstopfte und zugemüllte Toiletten und heruntergekommene Wohncontainer und dokumentiert die katastrophalen hygienischen Zustände in dem Camp.

Schon am Folgetag wurden offenbar alle Insassen mit Sattelschleppern in die algerische Kleinstadt In Guezzem nahe der algerisch-nigrischen Grenze gebracht. Derweil bleibt unklar, ob Algeriens Behörden die Menschen wie in der Vergangenheit geschehen einfach in der Wüste ausgesetzt haben, damit sie die Grenze zu Fuß zu überqueren. Offiziell nicht bestätigte Schätzungen gehen von bis zu 1.800 Menschen aus, die im Zuge dieser Massenabschiebung nach Niger ausgewiesen wurden.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht in ihrem am Donnerstag vorgelegten Jahresbericht für das Jahr 2017 von mehr als 6.500 afrikanischen Einwanderern, die allein zwischen August und Dezember aus Algerien nach Niger oder Mali abgeschoben worden seien. In einer Stellungnahme warf »EuroMed Rights«, ein Netzwerk von mehr als 80 europäischen und nordafrikanischen Menschenrechtsgruppen, den algerischen Behörden zudem vor, »ohne Rücksicht auf Verfahrensgarantien und unter Verletzung der Grundrechte der Betroffenen« vorgegangen zu sein. Auch die Plattform Migration Algerien (PMA), ein Zusammenschluss von 21 algerischen Organisationen, kritisierte die neuerlichen Repressionen. Die Verhaftungen seien ohne Unterscheidung der Nationalität erfolgt und trenne Minderjährige von ihren Familien, so die PMA.

© Sofian Philip Naceur 2018

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