Ägyptens neue Administrativhauptstadt – Größenwahn in der Wüste

Sand- und Schutthügel, soweit das Auge reicht. Bis zum Horizont die gleiche eintönige sandfarbene Mondlandlandschaft. Die Hitze ist unerträglich in der Wüste zwischen den östlichen Außenbezirken der ägyptischen Hauptstadt Kairo und dem 100 Kilometer entfernten Indus­trie- und Touristenörtchen Ain Sukhna am Roten Meer. Doch ein nicht unerheblicher Teil dieser bisher nur militärisch genutzten Wüstenregion ist seit mehr als zwei Jahren eine Großbaustelle, deren Dimension selbst den am Nil lange gepflegten Größenwahn in Sachen Stadt- und Wohnungsbauplanung in den Schatten stellt (erschienen in junge Welt am 4.10.2018).

Östlich der beiden bereits in der Wüste errichteten noblen Oberklasseviertel New Cairo und Fifth Settlement entsteht derzeit Ägyptens neue Administrativhauptstadt, ein Prestigeprojekt von Staatspräsident Abdel ­Fattah Al-Sisi. Die Ausmaße des Megaprojektes sind gewaltig. Auf einer Fläche von mehr als 70.000 Hektar soll eine Stadt für 6,5 Millionen Menschen entstehen. Damit werde die neue Hauptstadt auf einer Fläche errichtet, die deutlich größer sei als jene Kairos, erklärt der Sprecher der für die Koordination des Projektes zuständigen und vom Militär kontrollierten Baugesellschaft ACUD, Khaled El-Husseiny, gegenüber jW.

Bereits seit Mai 2016 wird hier gebaut. Im Rahmen der ersten Projektphase, die 2021 abgeschlossen sein soll, wird nicht nur ein komplettes Regierungsviertel für 35 Ministerien und andere staatliche Behörden aus dem Boden gestampft, sondern auch ein neuer Präsidentenpalast, ein Wohnviertel mit 25.000 Appartements sowie ein Geschäfts- und Bankenbezirk. Der neue Flughafen ist bereits fertiggestellt, ein Hotel- und Konferenzkomplex sowie mehrere hundert Kilometer Straße ebenso. Ein von Siemens errichtetes und 2017 eingeweihtes Kraftwerk soll die neue Stadt künftig mit Strom versorgen.

Auf einer Rundfahrt präsentierte El-Husseiny Ende September stolz die Fortschritte auf den Baustellen einer Moschee, einer koptischen Kathedrale sowie im neuen Regierungsviertel. »Die Ministerien werden 2019 mit dem Umzug hierher beginnen«, so El-Husseiny – eine zweifelhafte Aussage, denn bisher stehen nur die Rohbauten von einem Dutzend der geplanten 35 Regierungskomplexe.

Die politische Motivation hinter dem Projekt ist unverkennbar. In einem Werbefilm wird zwar behauptet, die Stadt werde Wohnviertel für »alle gesellschaftlichen Schichten« im Land bereitstellen. Die neue Hauptstadt sei für »alle Ägypter«, für die Armen und die Reichen, behauptet auch der ACUD-Chef, Generalmajor Mohamed Abdel Latif, während eines Treffens am Hauptsitz der Gesellschaft in einem dem Militär gehörenden Hotelkomplex in New Cairo. Nur Sekunden später relativiert El-Husseiny die Aussage seines Chefs und erklärt, in der Stadt würde es nur Wohnungen für die Mittel- und Oberschicht geben. Die Regierung baue schließlich Sozialwohnungen in anderen Vierteln Kairos.

Eine rund 90 Quadratmeter große Wohnung in der neuen Hauptstadt soll rund 50.000 Euro kosten. Ein Großteil der ägyptischen Bevölkerung kann sich eine solche Immobilie keinesfalls leisten und wird schon deshalb nicht der Luftverschmutzung und dem Verkehrschaos des dichtbesiedelten Kairoer Großraums entkommen können.

Während Al-Sisis Regierung alles daran setzt, das Hauptstadtprojekt zügig voranzutreiben und bei jeder Gelegenheit anpreist, bleibt der Städteplaner und Experte für Ägyptens urbane Entwicklung, David Sims, skeptisch: »Sie haben sich mit dem Projekt gründlich übernommen. Allein der Regierungsbezirk erstreckt sich über sechs Kilometer, und der Präsidentenkomplex über fünf Kilometer. Sie errichten das Projekt in so einem gewaltigen Ausmaß, dass sie es selbst dann, wenn sie sich ranhalten – was sie tun – auf keinen Fall füllen können. Es ist einfach zu groß«, so Sims gegenüber jW. Auch die Pläne für den Umzug der Regierung seien mit Vorsicht zu genießen. »Niemand weiß, ob die Ministerien wirklich vollständig umziehen werden. Die Minister und die sekundäre Führungsebene werden das tun, vermutlich aber nicht mehr. Alle anderen Regierungsangestellten werden wahrscheinlich dort bleiben, wo sie derzeit sind.«

Damit aber würde das Ziel, den Regierungsapparat effizienter zu gestalten, in weite Ferne rücken. Viele der alten Ministerien und Regierungseinrichtungen befinden sich in Kairos Innenstadt. Die sozioökonomische Teilung des Landes würde somit auch innerhalb des Staats- und Regierungsapparates weiter forciert. Und am Rande Kairos entsteht so ein neuer Megavorort für die Reichen und den Staatsapparat, der an New Cairo und Fifth Settlement anschließt und von einer Reihe weiterer, durch private Baugesellschaften errichtete, Gated Communities nördlich der neuen Hauptstadt umschlossen sein wird.

Das Regime will nach den Erfahrungen der Massenrevolte von 2011 vermeiden, dass im Falle eines erneuten Aufstandes abermals Demonstranten vor dem im Kairoer Stadtzentrum gelegenen Innenministerium oder anderen Symbolen des Repressionsapparates die Staatsmacht herausfordern können. Ägyptens Regierung mauert sich daher vorsichtshalber ein.

Verfehlte Städtebaupolitik

Schon seit den 1970er Jahren setzt Ägyptens Militärregime auf den Bau neuer Städte in der Wüste nahe dichtbesiedelten Ballungsgebieten. Kairo will so des großen Bevölkerungswachstums Herr werden und den informellen Wohnungsbau auf dem im Land äußerst knappen Ackerland eindämmen. Dutzende solcher Städte wurden seither aus dem Boden gestampft. Verfehlt wurde jedoch das gesteckte Ziel, mehrere Millionen Menschen in die Wüste umzusiedeln. Zwischen 2006 und 2017 hat sich zwar die Anzahl der Einwohner in den Wüstenstädten rund um Kairo mehr als verdoppelt – heute leben hier rund 1,1 Millionen Menschen. Doch wurde anvisiert, Wohnraum für mehrere Millionen Menschen zu schaffen. Diese Politik ist gescheitert.

Auch deshalb spricht der Städteplaner David Sims nicht grundlos von »potemkischen Städten«. Denn diese sind bis auf wenige Ausnahmen weitgehend menschenleer. Korruption, Missmanagement, falsche Prioritätensetzung und die Tatsache, dass die meisten dieser Wüstenstädte keinerlei Infrastruktur wie Geschäfte, Indus­triedistrikte oder eine adäquate Nahverkehrsanbindung haben, sind nur einige Gründe für das Scheitern dieser Politik.

Dennoch setzt Ägyptens Regime diese katastrophale Wohnungs- und Städtebaupolitik unvermindert fort. Die Regierung von Premierminister Mustafa Madbuli, der auch das Amt des Wohnungsbauministers bekleidet, plane derzeit die Errichtung von 20 neuen Städten für 30 Millionen Menschen. Das erklärte er Mitte September und machte damit klar, dass seine Regierung offenbar keineswegs aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.

© Sofian Philip Naceur 2018

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