Christen in Ägypten – Weihnachten im Müllviertel

Nach dem blutigen Terroranschlag auf eine Kirche in Kairo fürchten Ägyptens Christen mehr denn je die jüngst aufgeflammte Gewalt. Besuch in einem Armenviertel in der ägyptischen Hauptstadt, kurz vor dem koptischen Weihnachtsfest (erschienen bei n-tv Online am 5. Januar 2016).

Am Fuße des Moqattam-Hochplateaus südlich der Kairoer Altstadt liegt Manshiet Nasr, eines der größten Armenviertel der ägyptischen Hauptstadt. An dessen Westflanke, einen Steinwurf entfernt von der Zitadelle und der imposanten Mohamed-Ali-Moschee, befindet sich die Zufahrtsstraße zum heruntergekommensten Teil von Manshiet Nasr: Garbage City, das größte von insgesamt sechs Müllvierteln in Kairo.

Etwa 90 Prozent der rund 30.000 Bewohner des Viertels sind koptische Christen. Sie leben fast ausschließlich vom Sammeln, Sortieren und Recyceln von Müll. Das Attentat auf eine koptisch-orthodoxe Kirche im Bezirk Abbaseya im Dezember überschattet ihre Vorweihnachtszeit.

27 Menschen wurden bei dem Bombenanschlag getötet. „Im Viertel wurde viel geredet über den Anschlag, viele sind nach Abbaseya gefahren, um sich dort anzuschauen, was passiert ist“, erzählt Ezzat Naem Gendy, Direktor von Spirit of Youth, einer Jugend- und Hilfsorganisation in Manshiet Nasr. Seit 2013 sei es hier zwar nicht mehr zu Gewalt gegen Christen gekommen, doch in anderen Teilen des Landes, vornehmlich in Oberägypten, hat sich 2016 die sektiererische Gewalt zwischen Christen und Muslimen abermals intensiviert.

Gendy hofft, dass es jetzt ruhig bleibt. Wie andere orthodoxe Kirchen feiern die Kopten das Weihnachtsfest nicht im Dezember, sondern am 7. Januar. Schon jetzt sind die Straßen und Balkone der Häuser mit Bildnissen von Jesus, der Jungfrau Maria oder Krippendarstellungen geschmückt. Selbst Weihnachtsbäume seien heute weit verbreitet in Ägypten, sagt Gendy. Vor zehn Jahren habe es das noch nicht gegeben, doch viele Leute stellen sich inzwischen geschmückte Plastikbäume in ihre Wohnungen.

Die „Müllmenschen“ werden verachtet

Auf den Straßen rollen unterdessen unzählige meterhoch mit zum Bersten gefüllten Abfallsäcken beladene Pick-Ups langsam ins Innere von Garbage City. Überall am Straßenrand liegen Abfälle, die Erdgeschosse der Häuser sind vollgestopft mit Plastikflaschen oder Papierresten, die von Hand sortiert, mit Maschinen gepresst und als Rohstoff weiterverkauft werden. Ohne staatliche Hilfe haben die Zabaleen – wie die „Müllmenschen“ auf Arabisch heißen – ein einzigartiges System zur Abfallentsorgung etabliert. Sie schaffen es, rund 85 Prozent des eingesammelten Mülls zu recyceln. Zum Vergleich: Mit etwa 50 Prozent erreicht die Schweiz die beste Recylingrate Europas.

Doch die informell organisierte Müllbeseitigung durch die überwiegend koptischen Zabaleen in den Müllvierteln ist teuer erkauft. Denn die gesundheitlichen Folgen der schweren Arbeit sind katastrophal. Krankheiten wie Hepatitis sind allgegenwärtig, Schulen und Krankenhäuser Mangelware. Die Lebenserwartung liegt weit unter dem Landesdurchschnitt. Doch viel schlimmer für die hier lebenden Menschen ist die Verachtung, die ihnen Ägyptens Gesellschaft entgegenbringt – trotz der unersetzlichen Arbeit, die sie Tag für Tag verrichten.

Ihre Weihnachtsvorbereitungen sind schon seit Dezember in vollem Gange. „Noch ist Fastenzeit, denn an den 43 Tagen vor Weihnachten essen wir Kopten keine tierischen Produkte, also kein Fleisch, keine Eier oder Milch. Nur Fisch“, erzählt Gendy. Nach den traditionellen Weihnachtsmessen am Abend des 6. Januar ist die Fastenzeit vorbei. Auf den Tisch kommen in dieser Nacht deshalb vor allem Fleisch- und Milchprodukte. „Auch gehen viele Menschen vermehrt in die Kirche. An den Feiertagen gibt es zahlreiche Messen und besondere Weihnachtsliturgien.“ Doch auch weniger religiöse Kopten freuen sich auf das Fest. „Sie fasten zwar oft nicht, genießen aber die freien Tage und begießen sie mit einer Flasche Whisky“, so Gendy.

„Die Polizei sagt, wie sollten lieber gehen“

Trotz der festlichen Stimmung kommt das Gespräch mit dem Chef des Sozialprojekts immer wieder auf den Anschlag auf die Kirche in Abbaseya zurück. Es war der blutigste gezielte Angriff gegen die christliche Minderheit im Land seit dem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria am Neujahrstag 2011. Immer wieder gebe es seither Gewalt gegen Kopten, vor allem in Oberägypten, sagt Gendy.

„Fast jedes Mal, wenn ein Dorf keinen Gebetsraum hat und Christen ein Haus zu einer Kirche umbauen wollen, wird es angezündet. Der Polizei fällt nichts Besseres ein, als uns zu erzählen, wir seien in der Minderheit und sollten lieber woanders hingehen“, erklärt Gendy frustriert. Die Muslime dort seien viel radikaler als im Rest des Landes, salafistische Gruppen sehr einflussreich. „Immer wenn die Radikalen merken, dass sie mit all ihren Anschlägen gegen die ägyptische Polizei oder Armee nicht gewinnen können, wenden sie sich gegen die Schwächsten im Land. Also sind wir dran“, sagt er. Viele Christen hätten Präsident Abdel Fattah Al-Sisi 2013 unterstützt, als dieser den islamistischen Ex-Staatschef Mohamed Mursis stürzte. Das hätten viele Radikale bis heute nicht vergessen.

Damals, im Sommer 2013, brannten dutzende Kirchen und koptische Geschäfte nieder. Heute, über drei Jahre nach dem Staatsstreich gegen Mursi, sind viele Kopten zwar enttäuscht. „Aber was können wir tun? Uns sind die Hände gebunden“, so Gendy. Al-Sisi unterhält gute Beziehungen zum Klerus und dem koptischen Papst. Al-Sisi sage und verspreche vieles, doch es passiere nichts. Er rede mehr als das er handelt, glaubt Gendy. Das zentrale Problem jedoch sei das aus dem erzkonservativen Saudi-Arabien fließende Geld, denn die Petrodollars gehen nicht nur an arabische Regierungen, sondern auch an religiöse Vereinigungen und Moscheen. Und die Diskurse, die dieses Geld fördert, sind für ein friedliches Miteinander von Christen und Muslimen wenig hilfreich. „Wenn man Menschen vierzig Jahre lang gegen die Christen aufhetzt, dann muss man sich nicht wundern, wenn wir angegriffen werden.“

© Sofian Philip Naceur 2017

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