Widerstand gegen Ägyptens Militärdienst

„Hiermit erkläre ich meine Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen, ich beanspruche mein Recht, vom Wehrdienst freigstellt zu werden und bin alternativ – wenn notwendig – bereit, einen Zivildienst abzuleisten solange dieser nicht von einer militärischen Organisation verwaltet wird.“ Mit dieser Erklärung verweigerte der 25jährige Ägypter, Amir Eid, jüngst seine Einberufung in den Militärdienst zum 16. Oktober. Eid ist der dritte Wehrdienstverweigerer dieses Jahr und seit 2010 der erst neunte Fall, bestätigt Samir Al-Sharbaty vom No To Compulsory Military Service Movement (Bewegung Nein zum Wehrdienst) gegenüber jW. Wehrdienstverweigerung ist in Ägypten also alles andere als ein Massenphänomen, wirft aber ein Schlaglicht auf die Probleme junger Menschen, die den Dienst nicht ableisten wollen.

Eid hatte sich nach Abschluss eines Ingenieursstudiums an der Universität von Kairo bei der Armee gemeldet. Der Rekrutierungsprozess wurde jedoch im Mai 2015 aus persönlichen Gründen gestoppt – für ganze 18 Monate. Er habe darauf spekuliert, aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert zu werden, erzählt Eid. Doch das ägyptische Militär teilte ihm am 1. Oktober mit, dass er zwei Wochen später in einer Kairoer Kaserne seinen Kriegsdienst beginnen solle. „Ich bin an einer italienischen Universität für einen Master-Studiengang angenommen worden, doch ich konnte nicht ausreisen“, erklärt Eid. Denn wer seinen Kriegsdienst nicht absolviert hat, benötigt bei Reisen ins Ausland eine Genehmigung der Armee, die in der Regel nicht erteilt wird. Wer seinen Dienst an der Waffe nicht abgeleistet hat, benötigt zudem Arbeitsgenehmigungen des Militärs.

Der Kriegsdienst in Ägypten ist für Männer unter 30 verpflichtend. Wer einen Hochschulabschluss vorweisen kann, wird in der Regel für 13 Monate eingezogen. Bei niedrigerer Schulbildung kann der Dienst bis zu drei Jahre dauern. Hat eine Familie lediglich einen Sohn oder haben ältere Brüder den Zwangsdienst bereits abgeleistet, ist eine Ausmusterung üblich. Dennoch versuchen unzählige Menschen, dem Dienst an der Waffe zu entgehen – auf vielfältige Weise.

Gängigstes Vorgehen ist der Versuch, gesundheitliche Probleme vorzutäuschen in der Hoffnung aus medizinischen Gründen ausgemustern zu werden. Andere reisen noch vor Beginn der Rekrutierung ins Ausland und kehren erst im Alter von 30 Jahren ins Land zurück, da ab dieser Altersschwelle die Einberufung gesetzlich nicht mehr möglich ist. Doch der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Bassem, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, wählte eine unkonventionelle Methode, um den Fängen der Militärs zu entgehen. Lange vor seiner Einberufung futterte er sich mehrere Zentner Gewicht an bis er bei über 100 Kilogramm Körpergewicht sicher sein konnte, dass er bei der Musterung durchfallen würde. Mit Erfolg. Dem Wehrdienst entging er, doch die Kilos wurde er nie wieder los.

Eid hofft derweil darauf, dass die Armee ihren Umgang mit Kriegsdienstverweigerern beibehält und ihn früher oder später freistellen wird. Zwar wurde er Ende Oktober von einem Offizier telefonisch dazu aufgerufen sich in der Kaserne zu melden und als Deserteur bezeichnet, erzählt er, doch bisher setzt das Militär darauf, keine Öffentlichkeit für derlei Fälle zu schaffen. Nur Maikel Nabil Sanad, der erste Fall eines Kriegsdienstverweigerer in Ägypten, wurde 2010 in Beugehaft genommen, nach einem Tag jedoch freigelassen und ausgemustert.

Sollten sich derlei Fälle häufen, könnte das Militär jedoch reagieren. Denn die Rhetorik Eids oder Al-Sharbatys, der sich Anfang 2016 dem Dienst an der Waffe entzog, setzt auf Gewissensgründe und eine pazifistische Gesinnung, aber eben auch auf politische Argumente. „Ich wiedersetze mich der Einberufung weil ich es ablehne, die Schuhe der Führer zu putzen“, erklärte Al-Sharbaty. In der Armee sei die Korruption zu Hause, man könne sich freikaufen, wenn man Kontakte habe. Auch Eid gab zu Protokoll, der Wehrdienst diene nicht dem Land, sondern den vom Militär kontrollierten Firmen, in denen Wehrdienstleistende oft Zwangsarbeit verrichten würden.

© Sofian Philip Naceur 2016

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