Italienischer Doktorand in Kairo zu Tode gefoltert

Die Ermordung eines italienischen Wissenschaftlers in Kairo Ende Januar wird zur Belastungsprobe für die italienisch-ägyptischen Beziehungen. Der 28 jährige Giulio Regeni war am 25. Januar 2016, dem Jahrestag der ägyptischen Revolution, im Stadtzentrum von Ägyptens Hauptstadt Kairo verschwunden und neun Tage später in einem Graben neben einer Hauptstraße außerhalb der Stadt ermordet aufgefunden worden. Sein Körper sei mit Stichwunden und Verbrennungen durch ausgedrückte Zigaretten übersät, seine Fingernägel herausgerissen gewesen, berichten verschiedene Nachrichtenagenturen (erschienen in Junge Welt am 12.2.2016).

Auch wenn die Nachrichtenlage noch immer keine konkreten Schlussfolgerungen über die Hintergründe der Tat erlaubt, ist eine Verwicklung ägyptischer Sicherheitsbehörden in die Ermordung des Doktoranden von der britischen Cambrige Universität nicht auszuschließen. Die italienische Zeitung La Stampa beschuldigte letzte Woche unmissverständlich Ägyptens Polizeiapparat der Tat, während die ägyptische Regierung eine Verwicklung lokaler Sicherheitsbehörden konsequent abstreitet. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass es sich nicht um einen Unfall oder Raubüberfall handelte, wie ägyptische Offizielle wiederholt zu Protokoll gaben, sondern vielmehr um eine gezielte Operation gegen den italienischen Doktoraten.

Denn die Verletzungen an Regenis Körper sowie die öffentlich bekannten Umstände seines Verschwindens haben auffällige Ähnlichkeit mit den inzwischen fast alltäglichen Fällen spurlos verschwundener Aktivisten oder Jugendlicher. Auch Oppositionelle und Journalisten werden immer wieder als verschollen gemeldet, tauchen dann aber nach einigen Tagen in Polizeistationen, Gefängnissen oder gar Gerichtssälen wieder auf. Allein im Jahr 2015 summiert sich die bestätigte Zahl derartiger Fälle auf mehrere hundert. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Mehrfach jedoch tauchten die Körper von als verschollen gemeldeten Menschen mit Folterspuren übersät am Rande von Hauptstraßen außerhalb Kairos wieder auf.

Entsprechend misstrauisch reagierten die italienischen Behörden nach dem Leichenfund und schickten eine eigene Delegation in die ägyptische Hauptstadt, um ein Auge auf die offiziellen Untersuchungen des Falles zu werfen. Nachdem eine erste Autopsie ohne Anwesenheit italienischer Offizieller stattfand, wurde nach Überführung der Leiche nach Italien in Rom eine zweite Obduktion durchgeführt. Italiens Innenminister Angelino Alfano sagte dem TV-Sender Sky News kurz darauf, die ersten Zwischenergebnisse seien ein Schlag in den Magen und man sei immer noch nicht wieder zu Atem bekommen.

Die Reaktionen ägyptischer Offizieller folgen derweil altbekannten Mustern. Ägyptens Innenminister Magdy Abdel Ghaffar bezeichnete die Vorwürfe gegen ägyptische Sicherheitskräfte als „vollkommen inakzeptabel“, die ägyptische Polizei sei nie derartigen Anschuldigungen ausgesetzt gewesen. In etwas ruhigerem Tonfall forderte der Sprecher des Außenministeriums, Ahmed Abu Zeid, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Regeni, der als Gastwissenschaftler an der American University in Cairo an seiner Doktorarbeit über die unabhängige Gewerkschaftsbewegung in Ägypten arbeitete, schrieb gelegentlich für die linke italienische Zeitung Il Manifesto, war sich aber des angespannten sicherheitspolitischen Umfeldes in Ägypten bewusst und veröffentlichte unter Pseudonym. Neben Oppositionellen, Menschenrechtlern und Journalisten sind auch Wissenschaftler aus dem In- und Ausland in den vergangenen Jahren verstärkt ins Visier ägyptischer Behörden geraten. Seit der Verhaftung und Abschiebung einer französischen Studentin im Sommer 2015, die in Ägypten für ihre Masterarbeit recherchierte, wurden mehrfach ausländische Wissenschaftler und Akademiker an der Einreise gehindert und abgeschoben. Die Ermordung Regenis zeitigt unterdessen eine qualitative Verschiebung der behördlichen Einschränkung akademischer Freiheiten, sollten sich Anzeichen einer Verwicklung ägyptischer Sicherheitsbehörden tatsächlich bekräftigten.

© Sofian Philip Naceur 2016

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