Nassers Erbe – Militaristischer Nationalismus am Nil

Am 6. August feierte Ägypten in einer pompösen Zeremonie in Ismaelija die fristgerechte Fertigstellung des neuen Suezkanals. Das autoritär regierende Regime hofft durch das Projekt bis 2023 die Einnahmen aus den Kanalgebühren von 5,3 Milliarden US-Dollar auf dann 13,2 Milliarden pro Jahr zu steigern. Doch Analysten zweifeln an den optimistischen Erwartungen von Präsident Abdel Fattah Al-Sisi. Dennoch setzte Kairo auf die zügige Umsetzung des umstrittenen Projektes, auch da es Al-Sisi bei dem symbolträchtigen Kanalausbau weniger um die Rettung der am Boden liegenden Wirtschaft Ägyptens geht, sondern um Symbolpolitik (erschienen in Junge Welt am 15.8.2015).

Schon seit Beginn seines rasanten politischen Aufstieges ließ Al-Sisi nichts unversucht sich ideologisch dem bis heute äußerst beliebten Expräsidenten Ägyptens Gamal Abdel Nasser anzunähern. Nasser war eine zentrale Figur des Staatsstreich der Freien Offiziere, der 1952 die Monarchie stürzte und das vorläufige Ende des britischen Einflusses in Ägypten einläutete. Im Rahmen einer massiven Nationalisierungskampagne ließ Nasser 1956 den Suezkanal verstaatlichen und konnte nach einer Intervention Russlands den militärischen Versuch Europas, die Kontrolle über den Kanal zurückzuerlangen, abwehren. Der autoritäre Staatssozialist habe Ägypten seine Würde und seinen Stolz wiedergegeben, heißt es heute überall im Land. Nationalismus, Militarismus und eine autokratisch und zentralistisch implementierte Sozialpolitik waren die Pfeiler seines Herrschaftsmodells. Der massive Einfluss von Ägyptens Armee auf Politik und Wirtschaft im Land geht auf die Nasser-Ära zurück, erkannte dieser im Militär doch ein mächtiges Instrument zur Entwicklung Ägyptens.

Al-Sisi hingegen bedient sich bislang lediglich dem nationalistisch-militaristischen Vermächtnis Nassers, nutzte aber die politische Bühne der Kanaleröffnung für machtpolitische Symbolik. Wirtschaftspolitisch setzte Nasser auf Großprojekte wie dem Asuan-Staudamm oder dem Suezkanal, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben und den Einfluss des Westens am Nil zu minimieren. Al-Sisi versucht es ihm mit dem Suezkanalausbau gleichzutun, bleibt aber in einem geopolitisch engen Korsett gefangen, braucht er doch die Waffenlieferungen und Investitionszusagen aus Europa und den USA, um der Wirtschaftskrise im Land zu begegnen und das Ansehen der einst mächtigsten Armee in der arabischen Welt zu restaurieren.

Mit dem Kanalausbau versucht Al-Sisi derweil zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen umgibt den Kanal bis heute die Aura Nassers, in deren Nähe sich Al-Sisi sonnen will. Zum anderen muss er dringend Impulse an die kränkelnde Wirtschaft des Landes senden. Seine bisherige Wirtschaftspolitik setzt jedoch vor allem auf neoliberale Konzepte, die schon unter dem 2011 gestürzten Diktator Hosni Mubarak fehlschlugen. Mit dem Kanalausbau erreicht Al-Sisi vor allem eines; er erkauft sich Zeit. Denn noch hoffen viele Menschen im Land, dass der Kanal positive Effekte auf die Wirtschaft haben wird. Fraglich ist nur, wie lange noch.

© Sofian Philip Naceur 2015

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