„Unfinished Revolution“ in Berlin

Ägyptens Revolution von 2011 hat die Musikszene am Nil nachhaltig verändert. Sie habe die Türen geöffnet für politische Musik, jeder wollte damals politische Texte schreiben und politische Musik machen, sagt der Rapper Karim Rush von der ägyptischen HipHop-Band Arabian Knightz. Doch heute ist die Szene angezählt. Politische Repression des restaurierten Militärregimes von Ägyptens autokratisch regierendem Präsidenten Abdel Fattah Al-Sisi gegen jedwede Form von Opposition gehört heute zum Alltag in Ägypten. Zwar ist die Aktivistenszene weitaus stärker im Visier der Behörden, doch auch für Musiker und Künstler wird die Luft dünner. Es sei nicht die Zeit um Künstler verfolgen zu lassen, doch der Kunst werde die Luft zum Atmen genommen, sagt der 28jährige Revolutionssänger Ramy Essam. Doch die Szene ist immer noch da und sie ist aktiv. Und genau das konnte das Berliner Publikum vergangene Woche in Kreuzberg bestaunen (erschienen in Junge Welt vom 17.6.2015).

Das Kampagnen-Projekt „Unfinished Revolution“ startete am Donnerstag mit einer Publikumsdiskussion im Mehringhof und Konzerten Essams und der HipHopper der Arabian Knightz feat. MC Amin im Biergarten Jockel seine Tour durch 13 deutsche Städte und führt die Künstler- und Aktivistengruppe in den nächsten zwei Wochen unter anderem nach Hamburg, Düsseldorf und Dresden bevor sie auf dem Fusion Festival in Mecklenburg ihren Abschluss finden wird. Zweck der Kampagne ist es Kontakte zwischen der ägyptischen und deutschen Musiker- und Aktivistenszene zu etablieren und den deutschen Raum für Künstler aus Ägypten zu öffnen, sagt die Mitorganisatorin der Kampagne Beate Hechenberger gegenüber jW. „Die Idee für das Projekt ist aus der Notwendigkeit heraus entstanden. Es gibt zwar einen Austausch zwischen Nicht-Regierungs-Organisationen und auf der institutionellen Ebene zwischen Ägypten und Deutschland, aber kaum Verbindungen auf Graswurzelebene und zwischen den Subkulturen“, betont sie.

Zudem wolle die Kampagne mehr internationales Bewusstsein für die politische Lage in Ägypten schaffen. Daher wird im Rahmen der „Unfinished Revolution“ nicht nur die Rolle von Kunst und Musik während der ägyptischen Revolution thematisiert, sondern auch die angespannte Menschenrechtslage. Während die Konzerte Essams und der Arabian Knightz einen Einblick in die von der Revolution beeinflusste Künstler- und Musikszene erlauben, wollen die Publikumsdiskussionen einen Raum für Interessierte schaffen sich über die politische Lage am Nil zu informieren. Mit im Gepäck der Gruppe ist daher eine Aktivistin der ägyptischen Initiative „No to military trials for civilians“, die sich für ein Ende der Militärgerichtsbarkeit für Zivilisten und die Freilassung politischer Gefangener in Ägypten einsetzt. Die Graswurzelbewegung drängt zudem auf die Abschaffung des restriktiven Protestgesetzes, das regimekritische Demonstrationen faktisch verbietet und auch weitreichende Folgen für die Musikszene Ägyptens hat. Schließlich werden auch Konzerte vom Staat als Versammlungen eingestuft und benötigen Genehmigungen der Behörden. Heute sei es schwieriger Konzerte zu spielen, man brauche eine Erlaubnis und diese zu bekommen sei nicht immer leicht, sagt Karim.

Doch trotz der politisch stagnierenden Lage in Ägypten stecke die Revolution immer noch in den Köpfen der Menschen, meint Hechenberger. Genau da will die Kampagne ansetzen und hofft auf positive Effekte für die Subkulturen in beiden Ländern. „Die Tour ist eine gute Gelegenheit für eine Kollaboration zwischen der Musik- und Kulturszene in Ägypten und Deutschland“, sagt Essam. Denn, Musik sei auch eine Waffe.

© Sofian Philip Naceur 2015

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