Warum Flüchtlinge weg wollen aus Ägypten

Europa debattiert über den Umgang mit Bootsflüchtlingen und plant militärisch gegen Schlepper in Libyen vorzugehen. Derweil stecken Millionen Menschen in Nordafrika fest, leiden unter Arbeitslosigkeit, Gewalt und Rassismus und wollen nur noch weg. Ein Beispiel aus Ägypten zeigt warum.

Die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer hat in Deutschland die Debatten darüber neu entfacht, wer die Kosten für Flüchtlingsunterbringung und Versorgung übernehmen soll. Doch während in Berlin die Vorbereitungen für den Flüchtlingsgipfel im Kanzleramt am 8. Mai auf Hochtouren laufen, bei dem Bund und Länder über die Finanzierung der Flüchtlingsversorgung diskutieren wollen, sterben vor Nordafrikas Küsten weiterhin täglich Menschen bei dem Versuch nach Europa überzusetzen. Erst am Samstag griff Ägyptens Küstenwache 31 Überlebende eines gekenterten Bootes vor der Mittelmeerstadt Alexandria auf. Drei Menschen starben. Dennoch gehen Flüchtlinge immer wieder das Risiko der gefährlichen Überfahrt ein, da sie das Leben in ihrer Heimat und in Transitländern wie Ägypten oft schlicht nicht mehr aushalten (erschienen bei n-tv Online am 6.5.2015).

So auch Amira. Die junge Frau stammt aus dem Sudan und lebt seit 2013 mit ihren vier Kindern in Ägyptens Hauptstadt Kairo nachdem sie aus ihrer Heimat im bürgerkriegsgeplagten Darfur im Westen Sudans fliehen musste. Amira gehört der Volksgruppe der Fur an, die seit 2003 im Visier der Zentralregierung in Khartum steht. Das dortige Regime schickte bewaffnete arabische Milizen in die Provinz und entfachte damit einen der blutigsten Bürgerkriege des gesamten Kontinents. Amiras Dorf nahe der Stadt Kapkabala in Nord-Darfur wurde von Milizen überfallen. Sie töteten zwölf Menschen, darunter ihren Bruder und ihre Tante, die sie vor ihren Augen erschossen. Amira hatte Glück und konnte fliehen. In ein Flüchtlingslager. Das war 2004. Sie kam zur Ruhe, heiratete und bekam vier Kinder bis Regierungstruppen in ihr Lager kamen und das Camp räumen wollten. Ihr Ehemann weigerte sich zu gehen. „Wohin sollten wir denn gehen? Wir mussten unsere Heimat doch schon verlassen“, erzählt Amira. In der Nacht kamen sie wieder und nahmen sie mit. Amira wurde auf einer Polizeiwache gefoltert. Sie drückten Zigaretten auf ihrer Haut aus und schlugen sie immer wieder auf den Kopf. Dann konnte sie gehen. Doch von ihrem Mann hörte sie nie wieder, er gilt als vermisst.

Amira war nicht mehr sicher und floh nach Kairo. Doch auch hier war sie nicht willkommen. Ägypten erlebte nach dem Sturz von Ägyptens Expräsident Mohamed Mursi im Juli 2013 eine beispiellose Welle rassistisch motivierter Gewalt, die sich vor allem gegen Syrer und Schwarzafrikaner richtete. Syrische Geschäfte gingen in Flammen auf, Schwarzafrikaner wurden auf offener Straße zusammengeschlagen. Viele Flüchtlinge trauten sich monatelang nicht auf die Straße, die Presse machte Stimmung gegen Flüchtlinge. Ihnen wurde pauschal vorgeworfen Mursis entmachtete Muslimbruderschaft zu unterstützen.

Amira bekam schnell Hilfe vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), doch nachdem das heillos unterbesetzte und unterfinanzierte Büro in Kairo die Miete nicht fristgerecht auszahlte, schickte ihre Vermieterin Schläger in ihre Wohnung im Kairoer Stadtteil Ain Schams. Sie wurde vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt, immer wieder, und aus der Wohnung geworfen, erzählt sie unter Tränen. „Als mein Bruder davon erfuhr, kam er nach Kairo, um mit meinen Kindern und mir nach Europa zu fliehen.“

Fünf Monate später stachen sie in See, doch das Unterfangen schlug fehl. Ägyptens Küstenwache griff das Boot und seine 280 Passagiere September 2014 im Mittelmeer auf und schleppte es zurück. Amira wurde verhaftet. Nach 22 Tagen Haft in der Polizeiwache Anfushi in Alexandria wurde sie für die Abschiebung nach Kairo gebracht. Erst dort nahmen Beamte von ihrer „Yellow Card“ Notiz, sagt sie. Das Dokument bestätigte, dass sie beim UNHCR in Ägypten registriert ist und auf die Bearbeitung ihres Falles wartet, doch ist das Papier für Flüchtlinge wie Amira überlebenswichtig. Ohne die „Yellow Card“ wäre sie abgeschoben worden, zurück in den Sudan. Zurück in ein vom Krieg zerfressenes Land. So wie ihr Bruder. Er hatte sich nach seiner Ankunft in Ägypten nicht registriert und wurde nach seiner Verhaftung sofort abgeschoben. „Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihm gehört“, sagt Amira und blickt zu Boden. Ihre Registrierung bei der UN hat ihr das Leben gerettet, denn ihre Volksgruppe ist in ihrer Heimat bis heute politisch verfolgt und ägyptische Behörden scheren sich wenig um derlei Fluchtgründe. Ägyptens Abschiebepraxis ist erbarmungslos.

Dennoch will sie die Überfahrt nach Europa erneut wagen. „Ich kann nicht in Ägypten bleiben. Hier gibt es keine Hoffnung mehr für mich“, sagt sie. Bis dahin kämpft sie – wie Millionen andere Flüchtlinge, die es nach Ägypten geschafft haben – ums nackte Überleben. Ägypten ist eines der wichtigsten Transitländer für Flüchtlinge aus Ostafrika. Viele Menschen bleiben in Ägypten hängen. Rund fünf Millionen Flüchtlinge sollen derzeit im Land sein, sagte Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi vernangenes Jahr. Allein zwei Millionen davon stammen aus dem Sudan. Menschen aus Äthiopien, Eritrea, Somalia, Südsudan oder Sudan nehmen meist die Route durch Ägypten, bevor sie von dort in See stechen oder es von Libyen aus versuchen.

Nach Ausbruch des libyschen Bürgerkrieges verlagerte sich die Route nach Osten, doch der Weg über die Sinai-Halbinsel in Richtung Israel ist seit der Fertigstellung der 240 Kilometer langen Grenzmauer an der israelisch-ägyptischen Grenze verschlossen. Daher riskieren heute wieder viele den gefährlichen Weg durch Libyen. Der Seeweg nach Europa sei von dort aus kürzer und die Schmugglernetzwerke nach wie vor intakt, sagt Mohamed Kashef von der Egyptian Initiative for Personal Rights, einer Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Kairo. Die aufgeheizte Stimmung gegen Migranten in Ägypten habe sich entspannt, so Kashef. Doch viele Menschen wollen nur noch weg. Ihre Lage könne kaum noch schlimmer werden, daher brächen sie trotz der Gefahren auf, meint Kashef. In Europa wird derweil vermehrt über ein militärisches Vorgehen gegen die Schlepperbanden debattiert, doch würde das Problem damit keineswegs gelöst, sondern schlicht verlagert werden. Und Länder wie Ägypten, Algerien oder Marokko zeigten sich bisher unfähig ihrer Verantwortung für die in Nordafrika ankommenden Flüchtlinge gerecht zu werden – ebenso wie die EU.

© Sofian Philip Naceur 2015

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