Gestrandet am Nil – Syrische Flüchtlinge in Ägypten

Während in Deutschland über die Finanzierung der Flüchtlingsversorgung gestritten wird, geht der Exodus syrischer Flüchtlinge aus dem Krieg in ihrer Heimat unvermindert weiter. Hunderttausende Syrer stecken im Transitland Ägypten fest, leiden unter Arbeitslosigkeit, Gewalt und Rassismus und wollen nur noch weg.

Die jüngsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer haben auch in Deutschland die Debatten darüber neu entfacht, wer die Kosten für Flüchtlingsunterbringung und Versorgung übernehmen soll. Doch während in Berlin die Vorbereitungen für den Flüchtlingsgipfel im Bundeskanzleramt am 8. Mai auf Hochtouren laufen, bei dem Bund und Länder über die Finanzierung der Flüchtlingsversorgung diskutieren wollen, sterben vor Nordafrikas Küsten weiter täglich Menschen bei dem Versuch nach Europa überzusetzen. Dennoch gehen viele in Ägypten lebende Flüchtlinge beharrlich das Risiko ein und wagen die gefährlichen Überfahrten nach Europa, da sie ein Leben in ihrer Heimat oder Transitländern wie Ägypten nicht mehr aushalten (erschienen bei n-tv Online am 8.5.2015).

So auch Ribal. Elf Mal hat er es bereits versucht, elf Mal ist die Überfahrt nach Europa misslungen. Dennoch will Ribal, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, auch seinen zwölften Anlauf wagen. Denn hier in Ägypten gibt es für den Syrer keine Hoffnung und keine Perspektive. „Die Schulen hier sind sehr schlecht und Arbeit gibt es ja nicht mal für Ägypter“, sagt er frustriert und setzt seinen Gang an der Uferpromenade der Mittelmeerstadt Alexandria fort. Seine Frau und fünf seiner Kinder sind bereits in Europa angekommen und derzeit auf dem Weg nach Deutschland. Doch er muss weiter warten, denn die Reise will finanziert werden. Rund 2000 Euro kostet die Überfahrt pro Person, aber Ribals Brieftasche ist klamm. Daher hilft er Schleppern Passagiere für deren Boote zu finden und bekommt im Gegenzug einen Platz umsonst.

Auch Abu Amar will weg aus Alexandria. Zusammen mit seiner Mutter und vier seiner Kinder lebt er in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einem Vorort außerhalb der Stadt. Die Miete hier sei billiger und sie hätten Kontakt zu anderen syrischen Familien. Im Gebäude gegenüber leben fast nur Syrer, erzählt er. Mit Ägyptern habe die Familie wenig zu tun. Auch Abu Amar will seinen richtigen Namen nicht nennen, aus Vorsicht, sagt er. Die Ressentiments vieler Einheimischer gegenüber Flüchtlingen und Migranten, insbesondere aus Syrien, sind nach wie vor unverkennbar. „Egal wo du hingehst, die Leute sagen zu dir, du bist ja Syrer. Sie sagen das so angewidert als wären wir eine Plage“, meint er.

Das bekommen auch seine drei Töchter zu spüren. Sie dürfen zwar eine staatliche ägyptische Schule besuchen, tauchen hier aber nur noch für die Prüfungen auf. Aus Angst vor Jugendbanden, die sie sexuell belästigen und aufgrund ihrer Herkunft anpöbeln, trauen sie sich kaum noch aus dem Haus und vor allem nicht mehr in die Schule. Auch deshalb will Abu Amar weg aus Ägypten und hofft auf ein besseres Leben in Europa. „Ich will einfach nicht, dass meine Kinder in Ägypten aufwachsen“, sagt er entschlossen.

Alexandria ist derweil zum wichtigsten Abfahrtshafen für Flüchtlinge und Migranten am Nil geworden. Die Stadt sei heute der Hauptumschlagsplatz für in Ägypten lebende Menschen, die nach Europa weiterreisen wollen, sagt Mohamed Kashef von der ägyptischen Menschenrechtsorganisation Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR). Allein in Alexandria lebten Ende 2014 rund 90000 Syrer, meint Kashef. Inzwischen hätte etwa die Hälfte davon Alexandria in Richtung Libyen oder Europa verlassen. Doch es ziehen immer wieder Syrer aus Kairo in die Stadt am Mittelmeer, schließlich lässt sich die Reise über das Meer von hier aus einfacher organisieren. Die Küstenwache fängt inzwischen jedoch fast täglich Schlepperboote ab und bringt sie zurück nach Ägypten. Daher riskieren viele heute wieder zunehmend den gefährlichen Weg durch das Nachbarland Libyen, trotz des dort anhaltenden Bürgerkrieges. Der Seeweg nach Europa ist von dort schlichtweg kürzer und die Schleppernetzwerke trotz des Krieges nach wie vor intakt, erzählt Mohamed.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation und des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) leben rund 250000 syrische Flüchtlinge in Ägypten. Waren sie nach Ausbruch des Krieges in ihrer Heimat durchaus willkommen am Nil, lässt die Regierung in Kairo inzwischen keine Menschen aus Syrien mehr einreisen. Viele flüchten daher aus Syrien in den Sudan und kommen von dort aus nach Kairo oder Alexandria, bis sich für sie eine Gelegenheit ergibt nach Europa überzusetzen.

Die jüngsten Bootsunglücke im Mittelmeer schrecken die Reisewilligen dabei ebenso wenig ab wie die die Bilder von überfüllten Flüchtlingslager in Griechenland, so Kashef. Ihre Lage in Transitländern wie Ägypten ist prekär und hoffnungslos, langfristig will hier kaum einer bleiben. Menschen wie Abu Amar oder Ribal sind zudem finanziell von den bescheidenen Hilfen des UNHCR abhängig. Arbeit zu finden ist aufgrund der angespannten Wirtschaftslage Ägyptens, aber auch des vorherrschenden Rassismus gegenüber Syrern, schwierig. Daher entscheiden sich viele für das hohe Risiko einer von Schleppern organisierten Überfahtr und stechen in See in Richtung Italien oder Malta. Wenn nötig, sogar zwölf Mal. Denn: „Wer den Krieg in Syrien gesehen hat, die Bomben und den Tod, der hat keine Angst mehr vor dem Ertrinken“, meint Ribal.

© Sofian Philip Naceur 2015

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