Ägyptens Ultras gerichtlich verboten

Der Gerichtshof für dringliche Angelegenheiten in Kairo hat am Samstag Ägyptens Fußball-Ultras verboten und deren sofortige Auflösung verfügt. Die Ultras wurden für schuldig befunden für Vandalismus und Beihilfe zum Aufruhr verantwortlich zu sein. Klage erhoben hatte der Präsident des Kairoer Spitzenteams Zamalek Sporting Club Mortada Mansour, dem vor allem die Ultras seines eigenen Vereins, die Ultras White Knights (UWK), ein Dorn im Auge sind. Der Anwalt der Anklage Ashraf Farahat, der auch in das Verbotsverfahren gegen die regimekritische liberale Jugendbewegung des 6. April involviert ist, erklärte gegenüber der ägyptischen Tageszeitung Daily News, Ägyptens Ultras würden fortan als „terroristische Organisationen“ eingestuft. Mansour geht bereits seit September gerichtlich gegen die Ultras vor und forderte wiederholt die Klassifizierung der Gruppen als Terrorvereinigungen (erschienen in Junge Welt vom 19.5.2015).

Erst Ende April hatte sich das selbe Gericht in dem Fall für nicht zuständig erklärt und die Klage abgewiesen, doch Mansour reichte erfolgreich Berufung ein. Den 16 auf der Anklagebank sitzenden UWK-Mitgliedern drohen hohe Haftstrafen, sollte das Urteil erfolglos angefochten werden. Generalstaatsanwalt Hisham Barakat bezeichnete die 16 Beschuldigten als Mitglieder der UWK sowie der verbotenen im Dezember 2013 von Ägyptens Regierung als Terrorvereinigung deklarierten islamistischen Muslimbruderschaft. Barakat, die Regierung und Mansour werfen der Bruderschaft vor die UWK mit Geld und Sprengstoff ausgestattet und dazu angestiftet zu haben im Vorfeld des Ligaspiels zwischen Zamalek und dem zum gleichnamigen Erdölkonzern gehörenden Club ENPPI am 8. Februar 2015 zu randalieren. Damals waren noch vor Anpfiff der Partie in einem Vorort von Kairo nach Ausbruch einer Massenpanik 19 Zamalek-Anhänger getötet worden. Die UWK sprechen gar von 22 toten Fans. Tausende Menschen hatten vor einem Stadiontor in einem von Eisenzäunen gesäumten Gang dicht gedrängt auf Einlass gewartet als die Bereitschaftspolizei Tränengasgranaten in die Menschenmenge feuerte und damit eine Massenpanik auslöste.

Während selbst Mitglieder der Ultras von einem Unfall sprechen und nicht von einer politisch motivierten Eskalationsstrategie der Polizei ausgehen, weisen Ägyptens Innenbehörden jedwede Verantwortung für den Vorfall zurück und ließen direkt nach der Massenpanik dutzende Ultra-Anführer verhaften. Wie ägyptische Zeitungen kurz nach der Massenpanik berichteten, wurden mindestens 26 Fans von der Polizei unter Folter dazu gezwungen zu gestehen, dass sie von der Muslimbruderschaft dafür bezahlt wurden vor dem Spiel für Unruhe zu sorgen. Vorwürfe wie diese wurden in Ägypten zuletzt zunehmend dafür instrumentalisiert, um politische Gruppen, Bewegungen und Personen öffentlich zu diskreditieren und politisch kaltzustellen.

Der vor allem seit Ausbruch der ägyptischen Revolution 2011 schwelende Konflikt zwischen Ultraszene und Staatsmacht ist damit erneut eskaliert. Dabei hatten sich Ägyptens Ultras und das Regime zuletzt deutlich angenähert. Die UWK und die Ultras Ahlawi, die Ultras von Ägyptens Rekordmeister Al-Ahly und der größte Ultra-Verband im Land, hatten während der Revolution eine aktive Rolle in den Straßenkämpfen gegen die Polizei gespielt und sind seither im Visier der Innenbehörden. Die Ultras werden vom Staat als existentielle Bedrohung wahrgenommen. Neben den Muslimbrüdern und einigen unabhängigen Gewerkschaften in der Textilindustrie gelten die Ahlawis als zahlenmäßig größtes und am besten organisiertes staatsunabhängig operierendes informelles Netzwerk. Der Staat begreift diese Gruppen als Gefahr und versucht unbeirrt die Etablierung unabhängig organisierter Netzwerke im Land zu untergraben. Dabei verfolgen die Ultras am Nil keine politische Agenda. Doch ihr Kampf für Freiheit in den Stadien hat durchaus eine politische Dimension, ist er doch auch ein Kampf um den öffentlichen Raum, der vom Regime streng reglementiert und eingeschränkt wird. Auch daher stehen die Ultras heute erneut auf der Abschussliste des Regimes.

© Sofian Philip Naceur 2015

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